E-Mobilität 18. September 2025 4 Min. Lesezeit 167 Aufrufe

Ad-hoc Laden in Deutschland: Warum die Preise so stark variieren und warum viele Fahrer von „Abzocke“ sprechen

Ad-hoc Laden in Deutschland: Warum die Preise so stark variieren und warum viele Fahrer von „Abzocke“ sprechen

Wer spontan sein Elektroauto laden möchte, ohne vorher einen Vertrag mit einem Ladeanbieter abzuschließen, wird in Deutschland oft kräftig zur Kasse gebeten. Ad-hoc Laden – also das direkte Bezahlen an der Ladesäule mit EC- oder Kreditkarte – soll eigentlich Flexibilität bieten. Doch in der Praxis sind die Preisunterschiede gravierend, und viele Fahrer fühlen sich über den Tisch gezogen. Manche sprechen sogar von regelrechter „Abzocke“.

Warum das so ist, welche Kostenfallen lauern, wie die Anbieter ihre Tarife kalkulieren und was Verbraucher tun können, erfährst du in diesem ausführlichen Hintergrundbericht.

Quelle veröffentlicht am: 15. Juli 2025 (ADAC.de, ergänzt mit Ecomento.de & Electrive.net)


Was bedeutet Ad-hoc Laden eigentlich?

Das sogenannte Ad-hoc Laden ist seit 2023 in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. Jeder Ladeanbieter muss es ermöglichen, ohne Vertragsbindung Strom zu beziehen. Ziel war es, Hemmschwellen abzubauen und auch Gelegenheitsnutzern oder Durchreisenden unkompliziertes Laden zu ermöglichen.

Die Bezahlung erfolgt in der Regel über:

  • EC-/Kreditkarte an einem Terminal,
  • QR-Code an der Säule, der zu einer Bezahlseite führt,
  • oder über eine spontane App-Registrierung beim Betreiber.

So weit die Theorie. In der Praxis zeigt sich jedoch: Wer auf Ad-hoc setzt, zahlt oft deutlich höhere Preise als Vertragskunden.

Preisunterschiede beim Ad-hoc Laden (Stand: Juli 2025)

Die Spannbreite ist enorm. Laut einer aktuellen ADAC-Untersuchung (Juli 2025) liegen die Unterschiede zwischen Ad-hoc und Vertragstarifen bei bis zu 60 %.

Beispiele:

  • EWE Go: 0,84 €/kWh Ad-hoc vs. 0,52 €/kWh mit Vertrag
  • EnBW: bis zu 0,87 €/kWh Ad-hoc vs. 0,59 €/kWh mit Vertrag
  • Ionity: 0,75 €/kWh Ad-hoc (Direct) vs. ab 0,46 €/kWh im Abo (Motion)
  • Aral pulse: ca. 0,79 €/kWh Ad-hoc vs. 0,59 €/kWh im Vertrag
  • Discounter (Aldi Süd, Kaufland, Lidl): meist 0,29–0,39 €/kWh (AC), teils kostenlos – jedoch kaum Schnellladepunkte

Damit zeigt sich: Wer ohne Vertrag lädt, zahlt im schlimmsten Fall fast das Doppelte. Besonders an Autobahnen oder Schnellladern wird es teuer.

Warum sind die Preise so unterschiedlich?

1. Fehlender Wettbewerb an Autobahnen

An vielen Autobahn-Raststätten haben Fahrer keine Wahl. Die Anbieter wissen das – und setzen die Preise entsprechend hoch an. Konkurrenz gibt es dort kaum.

2. Zusätzliche Kosten für Bezahlsysteme

Die Kartenzahlungspflicht brachte Investitionen in Terminals, Wartung und Abrechnung mit sich. Viele Betreiber geben diese Kosten direkt an die Kunden weiter.

3. Querfinanzierung von Abo-Modellen

Anbieter wollen ihre Stammkunden binden. Deshalb gestalten sie die Vertragstarife attraktiv und machen Ad-hoc bewusst unattraktiv. Wer regelmäßig lädt, soll sich für ein Abo entscheiden.

4. Unterschiedliche Netzentgelte & Strompreise

Die regionalen Unterschiede beim Strompreis und den Netzentgelten schlagen sich ebenfalls in den Endpreisen nieder.

Warum viele von „Abzocke“ sprechen

Für viele Fahrer ist es nicht nachvollziehbar, dass sie am selben Standort fast doppelt so viel bezahlen, nur weil sie ohne Vertrag laden.

Beispielrechnung:

Ein Elektroauto mit 60 kWh Akku soll von 10 % auf 80 % geladen werden. Das entspricht rund 42 kWh.

  • Mit Vertragstarif (0,52 €/kWh): 21,84 €
  • Mit Ad-hoc (0,84 €/kWh): 35,28 €
  • → Aufschlag: 13,44 € pro Ladevorgang

Für Vielfahrer können so im Jahr mehrere hundert Euro Mehrkosten entstehen – allein durch die Wahl der Zahlungsart.

Der ADAC bezeichnet die Preisunterschiede deshalb als „nicht nachvollziehbar“ und fordert mehr Transparenz.

Kostenfallen beim Ad-hoc Laden

Intransparente Preisanzeigen

Oft erfährt man den Preis erst nach dem Scannen des QR-Codes – wenn man schon fast geladen hat.

Blockiergebühren

Zusätzlich zur hohen kWh-Gebühr fallen Minutenpreise an, wenn das Auto nach Ladeende stehen bleibt.

Kartenzahlungszuschläge

Manche Betreiber schlagen zusätzliche Transaktionskosten auf den ohnehin schon hohen Preis.

Unterschiedliche Ladeleistungen

Man zahlt denselben Preis, auch wenn die Ladesäule weniger Leistung abgibt als versprochen.

Stimmen von Verbraucherschützern

  • ADAC: „Die Kostenunterschiede sind nicht sachlich zu rechtfertigen und bestrafen spontane Nutzer überproportional.“
  • Verbraucherzentrale NRW: „Ad-hoc Preise entwickeln sich zur Kostenfalle, gerade an Standorten mit Monopolcharakter.“
  • Bundesnetzagentur: kündigte an, die Entwicklung im Auge zu behalten, da die Transparenzpflichten beim Ad-hoc Laden teilweise verletzt werden.

Tipps für Fahrer

  1. Preise vorher checken – viele Apps zeigen Ad-hoc Preise an, bevor man lädt.
  2. Discounter nutzen – Laden bei Aldi, Kaufland oder Lidl ist meist deutlich günstiger.
  3. Hybridstrategie fahren – Gelegenheits-Ad-hoc mit mindestens einem Vertragstarif kombinieren.
  4. Kurze Ladefenster nutzen – besser öfter kurz nachladen statt lange teuer blockieren.
  5. Alternative Standorte prüfen – 1–2 km Umweg lohnen sich oft finanziell.

Ausblick: Wird Ad-hoc Laden fairer?

Die Politik fordert mehr Preistransparenz und eine Begrenzung der Unterschiede. Zudem könnten dynamische Stromtarife die Preise künftig transparenter machen. Kurzfristig ist aber nicht mit sinkenden Kosten zu rechnen – im Gegenteil: Einige Anbieter prüfen weitere Anpassungen nach oben.

Fazit

Ad-hoc Laden ist praktisch, wenn man keinen Vertrag hat oder unterwegs spontan Strom braucht. Doch die Preisunterschiede sind teils so groß, dass viele Fahrer von „Abzocke“ sprechen. Für Vielfahrer sind Verträge oder Abos fast unumgänglich. Ohne Vertrag zahlt man drauf – und das oft kräftig.

Tags:
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